Szenische Lesungen mit Oskar Ansull

Über Vorleser und Rezitatoren - und über Oskar Ansull

Es ist eine Freude, dem lesenden Oskar Ansull zuzuhören!

In meiner Jugend ist mein Gefühl, meine Aufmerksamkeit für die vorgetragene, die zunächst nicht selbst gelesene Literatur durch drei oder vier Erlebnisse geschärft worden. Da war Bogislaw von Smelding, ein Rezitator, der wohl in vielen Schulaulen anfang der 60er Jahre Klassisches berufsmäßig vortrug. Nicht, daß er mir nicht imponiert hätte. Nachdem er stets zunächst von seiner (abgebrochenen) Karriere und seinen Gastspielen am Deutschen Theater von Rio de Janeiro berichtet hatte, trat er an die Rampe, faltete die Hände über dem Zweireiher und begann, steif zurückgelehnt: "Zu Dionys, dem Tyrannen...", bis er dann bei "Was wolltest du mit dem Dolche..." ruckartig hervorschnellte.

Ein anderer, so ich mich recht erinnere, Bruno Lehmann, war blind, wurde von seiner Frau aufs Podium geführt und las, ein kleiner Mann hinter dem großen, auf dem Podium aufgeschlagenen Buch mit der Blindenschrift, Gedichte und Prosa korrekt vor, zum Schluß auch schon mal zwei Gedichte von sich selbst.

Klaus Kinski habe ich mehrfach erlebt, großartig, wie man weiß, mehr sich selbst verwirklichend als die klassischen Monologen - aber ein Ereignis.

Und dann gab es da einen Herrn Lentzen, Schüler von Carl Orff, der hinter dem Flügel saß, beleuchtet von einer schwarzen emaillierten Bürolampe. Der spielte die ganze "Dreigroschenoper", "Mahagonny", "Mann ist Mann" von Brecht - oder auch Carl Orffs Stücke - mit allen Regieanweisungen, mit Beleuchtung (durch die Bürolampe), mit sämtlichen Haupt-, Neben - und Gesangsrollen - großartig! Man brauchte das jeweilige Stück nicht zu sehen (konnte man ja auch nicht, in der damaligen Zeit)

Das ist der Hintergrund, vor dem ich viele Jahre später Oskar Ansull kennenlernte. Wie soll ich sagen? Als Vorleser, Als Rezitator, als Schauspieler, als Homer, als Dichter?

Ansull hat Buchhändler gelernt, war beim Theater, ist Schriftsteller und Übersetzer, ein poeta doctus genauso wie ein Komödiant. Er ist ein Forscher nach der vergessenen, verlorenen Literatur. Und wie er das, was sich manchmal auszuschließen scheint, an einem Abend zusammenzubringen weiß, und die Themen, zwischen Reeperbahn und Konzentrationslager, an verschiedenen Abenden, nicht als Rezitator, nicht als Schauspieler, sondern als Glaubwürdiger und Betroffener erleben läßt - das kann nur er!

Ludwig Zerull

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